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Voice-over? Voice-under? Voice-aside?

Gemeinhin wird behauptet, ein Kommentar würde im Film unter oder auch über die Bilder gelegt werden. Ganz so, als sei eine solch hierarchische Ordnung– also eine zwischen einem dominanten und einem unterlegenen Element – etwas, das dem Wesen der Filmkunst bereits auf natürliche oder zumindest zwingende Weise eingeschrieben wäre.
Peter Nestler verweist mit seinen Produktionen seit Jahrzehnten auf ein anderes, mögliches Verhältnis: eines, das Kommentar und Bild gleichberechtigt nebeneinander stellt. Dabei scheint mit jeder Produktion das Verhältnis zwischen Ton und Bild neu ausgefochtenzu werden. Jean-Marie Straub schreibt über die Sequenz eines Massenauflaufs in »Von Griechenland « (BRD 1965): „Genial war, dass die Slogans der Menge nicht mit direktem Ton aufgenommen waren. Wenn ich das sage, bedeutet das etwas, weil ich fast ein Apostel des direkten Tons bin. Die geniale Intuition lag darin, daß die Slogans nur im Kommentar gesprochen wurden, von ihm. Er wiederholte, was die Leute gesagt und geschrieben haben.“ Und tatsächlich gelingt hier etwas sehr Unwahrscheinliches: Mehrstimmigkeit, eingesprochen von nur einer Stimme. Woher stammt das Interesse an Mehrstimmigkeit? Warum sich die Arbeit machen, vielen Stimmen zu lauschen? Warum immer wieder aufs Neue die Verhältnisse zwischen den filmischen Elementen untersuchen? Sie umverteilen? Viele Dokumentarfilmer*innen betonen heute, ihre Filme seien rein subjektive Interpretationen der Wirklichkeit. Um einen Anspruch auf Objektivität könne es nicht mehr gehen. Nestler hingegen scheint schon früh eine Ahnung davon gehabt zu haben, dass die Qualitäten einer Subjektivität erst voll zur Geltung kommen, wenn sie mit einem gewissen Maß an Objektivität unter Spannung gesetzt werden. Und so beschreibt er seine Arbeit als Bemühung „der Sache, die ich mir vorgenommen hatte, auf den Grund zu kommen. Ich habe versucht, den (für mich) kürzesten Weg zu finden und das Wichtigste der Sache zu zeigen: zum Erkennen, zum Wiedererkennen und um mit vielen zu sagen, dieses gehört geändert, oder jenes soll bewahrt werden, oder nicht übersehen“.

Aufsätze

Peter Nestler/Kurt Ulrich/Marianne Beutler (B), Peter Nestler/ Kurt Ulrich (R/K)
BRD 1969/70, 18 min., dt. OF

Ein Film mit und nicht lediglich über Kinder. Entstanden als Kooperation mit den Schüler*innen und der Lehrerin einer Dorfschule im Berner Oberland. Die Schüler*innen verlesen ihre Aufsätze. Das kostet Mühe, doch was ist das schon, wenn man zu Fuß kilometerlange Schulwege in 2000 Metern Höhe meistert.

DISKUSSION UND FILMPROGRAMM

FOTOFABRIQUE / GÄNGEVIERTEL

SA 22.04.

13:30 Uhr

GAST: PETER NESTLER

Verteidigung der Zeit

Peter Nestler (R/B), Reiner Komers (K)
D 2007, 25 min., dt. OF

Daniele Huillet und Jean-Marie Straub bei der Arbeit an ihrem letzten gemeinsamen Film »Quei loro incontri« (»Jene ihre Begegnungen»).

© Deutsche Kinemathek

Warum ist Krieg?

Peter Nestler (R/K), Zsóka Nestler (R/B)
SE 1969/70, 18 min, dt. OF

„Manche sagen, Krieg hat es immer gegeben, es wird immer Krieg geben. Wenn sie so reden, geben sie sich selbst auf, oder sie wollen die Leute betrügen. (…) Krieg wird vorbereitet, und das braucht Zeit.“